Hochgeehrtester Herr
geheimer Rath
und
innigst geliebter Lehrer!
An meinen Brief vom , den Sie bereits werden erhalten haben, bin ich so frei, den heutigen anzuschließen – einestheils im Vertrauen auf Ihre gütige Nachsicht ob der Belästigung, die ich Ihnen dadurch bei Ihren so vielen und angestrengten Arbeiten vielleicht verursachen möchte, anderntheils aber zugleich aus dem Wunsche, mich in Ihrer fortdauernden wohlwollenden Erinnerung zu erhalten und in der Absicht, über wissenschaftliche Interessen meine Ansichten, Muthmaßungen oder Zweifel brieflich mittheilen zu dürfen, Gebrauch zu machen.
Was auf diese letzteren Mittheilungen Bezug hat, werden der Herr geheime Rath in den 3 Beilagen finden. Ich habe mir nemlich erlaubt, in der – Ihnen schon früher einmal mündlich eröffneten, aphoristischen Weise, d.h. auf einzelnen halbbrüchigen Blättern dasjenige zusammen zu schreiben, was mir zur Mittheilung geeignet scheint, und werde auch in Zukunft also verfahren, da sich unter dieser Form gar Manches besser und umbefangener zu Papier bringen läßt, als in zusammenhängender und conventioneller Briefform. Auch ist ferner noch dieser Vortheil damit verbunden, daß der Herr geh˖[eime] Rath aller etwaigen Bemühung einer gnädigen Erwiederung – in Fällen zustimmender oder entgegengesetzter Ansichten, oder Zweifellösender Aufschlüsse – überhoben sind und nur mit einem einfachen gefälligst zur Seite gesezten Concedo – Nego – oder Distinguo – meine fliegende Blätter
Daß Sie mir übrigens, mein hochverehrtester Lehrer, in diesen meinen Mittheilungen die Offenheit und Ungenirtheit der Sprache und auch – in den erforderlichen Fällen meine Ausführlichkeit nicht verübeln werden, bin ich zu sehr überzeugt, als daß ich erst besonders darum nachsuchen dürfte. Was insbesondere meine etwaige Ausführlichkeit betrifft, die für und wieder selbst den Schein eines anmaßlichen Docenten-Tons erhalten könnte, so kann derselben, wie sich von selbst versteht, meinem Lehrer und Meister gegenüber – nur die Absicht zu Grunde liegen, demselben zu zeigen, ob und in wie weit ich in das Verständniß seiner Lehre eingedrungen, oder sie richtig anzuwenden wisse. So Viel – zur Verhütung einer möglichen Mißdeutung der Form meiner Lieferungen.
Ueber die hiesigen Dinge und Vorkommenheiten wird es wohl nur selten Gelegenheit geben, Etwas zu berichten, was den Herrn geh˖[eimen] Rath interessiren könnte. Ich werde mich daher in Zukunft hauptsächlich nur auf Wissenschaftliches zu beschränken und meinen Begleitungsschreiben lediglich einige Zeilen zu widmen haben.
Von meinem Freunde Höfler habe ich bereits einen Brief aus Göttingen erhalten, woselbst er am eingetroffen ist. Mit Bedauern habe ich daraus ersehen, was er auch wohl schon Ihnen geschrieben hat, daß ihm auf seiner Reise durch den Umsturz des Wagens ein Unfall begegnete, der zwar glücklicher Weise nur einige Contusionen zur Folge hatte, von denen er aber auch jezt noch Nachwehen und Unwohlsein zu verspüren scheint. – Die neulich gegebene Nachricht von einer Sage, wornach Prof. Hutter das hiesige Lyceal-Rektorat erhalten würde, beruhte auf einer Verwechslung. Hutter erhielt das Gymnasial-Rektorat an Schott’s Stelle, der nunmehr Rektor des Lyceums und Professor der Geschichte geworden.
Meine Vorlesungen sind bereits in vollem Gange, – eben so auch meine Disputatorien, denen ich die Ihnen mündlich beschriebene Einrichtung und zwar mit dem erwünschtesten und ausgezeichnetsten Erfolge gegeben habe. Die Grundzüge dieser Einrichtung sind:
Ich gebe meinen Zuhörern am Anfange jeder Woche ein Diskussions-Thema, das in irgend einem Zusammenhange mit den in den jüngsten Vorlesungen behandelten Hauptideen steht und sich zum Diskutiren eignet.
Dieses Thema hat einer derjenigen Candidaten, die sich hiezu vorher freiwillig durch Inscribirung verpflichtet und die ich in alphabetischer Ordnung auffordere, schriftlich – jedoch in aller Kürze zu bearbeiten.
Am Ende der Woche findet das Disputatorium im versammelten Auditorium statt und die Ordnung dabei ist die folgende:
Ich lasse zuerst den gefertigten schriftlichen Aufsatz oder (sind deren mehrere aus freiwilligem Antriebe geliefert worden) sämmtliche schriftliche Beiträge vorlesen und sodann die Diskussion selbst beginnen.
An dieser Diskussion nehme ich selbst auch nicht den mindesten materiellen Antheil, sondern leite blos die Ordnung und den Gang der Diskussion im Allgemeinen, ohne mich weder für, noch gegen eine vorgebrachte Ansicht auszusprechen.
Ich lasse also meine Zuhörer lediglich untereinander diskutiren und verhalte mich nun vielmehr – ihnen gegenüber als Zuhörer.
In einer der nächsten Stunden aber fasse ich die ganze hiebei gepflogene Verhandlung in einen besonders ausgearbeiteten Vortrag zusammen, in welchem ich dieselbe einer ausführlichen beleuchtenden und belehrenden Kritik unterwerfe, die vorgebrachten Zweifel zu lösen, die Gegensätze zu vermitteln und die Streitpunkte, in so weit dieß thunlich ist, zur Entscheidung zu bringen suche.
Wie ich erwartet, so habe ich es auch bestätiget gefunden. Die jungen Leute sprechen sich in einem also eingerichteten Disputatorium untereinander auf die offenste und unbefangenste Weise aus. Und mir erwächst daraus der Vortheil, den Geist der Jugend auf das Genaueste kennen zu lernen, deren Bedürfnisse gehörig ermessen und meinen Lehrvortrag darnach in der rechten fruchtbringenden Weise einrichten zu können. Auch findet diese neue Methode allgemein den lebendigsten Anklang und ich verspreche mir in Folge dessen von ihr die besten und segenreichsten Früchte.
Als DiskussionsThema gab ich jüngst im ersten philosophischen Curse die Frage:
»Welche Forderungen ergehen an eine wahre Lebensphilosophie?«
und im zweiten Cursus die Frage:
»Ist die Philosophie eine bloße Vernunft- oder Erfahrungs-Wissenschaft?«
Doch ich habe schon zu lange Ihre gütige Aufmerksamkeit in Anspruch genommen. Es ist hohe Zeit, daß ich schließe. Genehmigen Sie – neben meiner gehorsamsten Empfehlung an die gnädige Frau Gemahlin pp. die Versicherung meiner reinsten Liebe und Verehrung, mit der ich verbleibe
von ganzem Herzen und ganzer Seele
Ihr
dankbarster und treu
ergebenster Schüler
Beckers.
Dillingen den .
Beilage zum Schreiben vom 25. Nov˖[ember] 1832.
N°. 1.
Daß zwischen den früheren Kant’schen Modalitäts-Begriffen und denen des gegenwärtigen positiven Systemes der große Unterschied besteht, daß jene einen blos abstrakten, formellen Charakter besaßen, während die den drei Potenzen entsprechenden Modalitäten von durchaus reeller und positiver Bedeutung sind, – hievon geschah schon einmal in des Herrn geh˖[eimen] Rathes Vorlesungen gelegentliche Erwähnung.
Worin mir aber noch ein fernerer sehr bemerkenswerther Unterschied zu bestehen scheint, der auch auf den ganzen Geist der beiden bezeichneten Systeme das hellste Licht wirft, dieß ist die ganz veränderte Stellung, so die Modalitätsbegriffe in dem spekulativ-geschichtlichen Systeme – gegenüber dem Kritizismus – erhalten haben. Während nemlich bei Kant die Reihenfolge diese ist:
Möglichkeit,
Wirklichkeit,
Nothwendigkeit –
und hierin das offene Geständniß liegt, daß ihm die höchste Seinsweise und der unüberschreitbare Terminus das Nothwendige ist, so tritt hier in der positiven Philosophie die Nothwendigkeit auf die ihr gebührende zweite Stufe in der Modalitäten-Folge zurück, und es verändert sich hiedurch die Ordnung also, daß sich an Stelle der Nothwendigkeit nunmehr die Wirklichkeit als die höchste und allein wahrhaft sein sollende Seinsweise ergibt.
Man dürfte demzufolge in der That, wollte man in einem allgemein faßlichen Schema den großen Fortschritt anschaulich machen, der durch das positive System erzielt worden, nur diese beiden Modalitätenreihen nebeneinander stellen und auf ihre so merkwürdig verschiedene Stellung aufmerksam machen.
Auch Hegel kömmt – trotz seiner Bemühung, die Wirklichkeit als Drittes, nemlich als Einheit von Wesen und Erscheinung, zu setzen, im Grunde nicht über die Nothwendigkeit hinaus. Er nennt sie (Encykl. 3te Ausg˖[abe] § 147) die entwickelte Wirklichkeit
und meint auch, sie sei ganz richtig, wenn auch zu unbestimmt, als Einheit der Möglichkeit und Wirklichkeit definirt worden
. Von dem Allen gilt aber wohl nur das Umgekehrte. Denn gerade die Wirklichkeit ist die entwickelte Nothwendigkeit oder die Einheit von Möglichkeit und Nothwendigkeit.
Beilage zum Schreiben vom 25. Nov˖[ember] 1832.
N°. 2.
Ich bekam vor einiger Zeit zufällig Swedenborg’s vera christiana religio unter die Hände und wurde bei deren Durchblätterung auf eine Stelle aufmerksam, woselbst er die Dritte der von ihm sogenannten Fünf Denkwürdigkeiten der Weltschöpfung beschreibt und zwar dieselbe von einem Engel erzählen läßt, in dessen Erzählung neben dem vielen Phantastischen und Sonderbaren, das sie enthält, eine Idee zum Vorschein kömmt, die höchst merkwürdiger Weise einen Anklang an den in dem positiven Systeme entwickelten Unterschied der wahren und falschen Zeit – zu enthalten scheint. Da dieß, so weit meine philosophisch-geschichtlichen Kenntnisse reichen, wohl die einzige, wenn auch noch völlig unbestimmte und unwissenschaftliche Hindeutung auf die so hochwichtige Entdeckung jenes Unterschiedes wäre, so die Geschichte der Philosophie aufzuweisen hätte, so dürfte sie wohl – wenigstens der historischen Beachtung nicht ganz unwerth seyn, und ich erlaube mir daher, falls Ihnen diese Stelle noch nicht bekannt sein sollte, sie hier wörtlich und zwar in ihrem ganzen Zusammenhange nach der Uebersetzung von L. Hofacker, welche 1831 zu Tübingen erschienen I, p. 148 herzusetzen:
»Gott ist die Liebe selbst und die Weisheit selbst, und seiner Liebe sind unendliche Regungen und seiner Weisheit sind unendliche Innewerdungen; und Entsprechung von diesen ist das Ganze und alles Einzelne, was auf dem Erdkörper erscheint; daher Vögel und Thiere, daher Bäume und Stauden, daher Fluren und Saaten und daher Kräuter und Gräser: denn Gott ist nicht räumlich ausgedehnt, dennoch aber im räumlich Ausgedehnten überall, so denn im Weltall von dessen Erstem zu dessen Leztem; und weil er allgegenwärtig ist, so sind solche Entsprechungen von Regungen seiner Liebe und seiner Weisheit in der ganzen Naturwelt; in unserer Welt aber, welche die geistige Welt heißt (es spricht dieß nemlich der Engel), sind ähnliche Entsprechungen bei denen, welche von Gott Regungen und Innewerdungen aufnehmen. Der Unterschied ist, daß diese Dinge in unserer Welt nach Regungen der Engel von Gott momentan erschaffen werden, während sie in euerer Welt zwar in ähnlicher Weise geschaffen wurden, dabei aber vorgesehen ward, daß sie sich durch Fortzeugung des Einen aus dem Anderen fort und fort erneuern und so die Schöpfung sich fortsetze. Der Grund, warum in unserer Welt die Schöpfung momentan ist, in der eurigen aber eine durch Zeugungen hindurch fortwährende Schöpfung, liegt darin, weil die Atmosphäre und Erde euerer Welt naturmäßig. Das Naturmäßige aber ist geschaffen, um das Geistige zu umkleiden, wie die Hautbedeckungen den Leib von Menschen und Thieren, Rinde und Splint die Stämme und Aeste der Bäume u.s.w. Daher kommt, daß Alles in euerer Welt stetig ist und stetigen Jahreswechsel hält.« Er fügte noch bei: »Was du sahst und hörtest, theile den Bewohnern deiner Welt mit, weil sie bisher in völliger Urkunde waren über die geistige Welt; und ohne Kenntniß davon kann Niemand wissen, selbst nicht ahnen, daß die Schöpfung forotlaufend ist in unserer Welt und daß eine gleiche in der eurigen war, als das Weltall von Gott erschaffen wurde.«
Beilage zum Schreiben vom 25. Nov˖[ember] 1832.
N°. 3.
NB. Daß ich über die meisten, wenn nicht über alle der nachstehenden Fragen keine positiven Aufschlüsse erwarten könne und dürfe, die – wenn sie überhaupt gegeben werden können – nur in einer größeren wissenschaftlichen Entwicklung zu beantworten wären, brauche ich wohl nicht erst besonders zu bemerken. Mir genügt eine Andeutung, ob überhaupt dergleichen Fragen eine (wenn auch jezt noch nicht, doch seiner Zeit) mögliche Aufgabe der wissenschaftlichen Spekulation sein können, oder ob die Philosophie von vorne herein auf Lösung des einen oder anderen Problems Verzicht leisten müße.
Die Natur, so vor und mit dem Werden des Urmenschen bestand – und die Natur, welche nach jener durch den Urmenschen verursachten Katastrophe vor und mit dem Werden der gegenwärtigen Menschheit eintrat, muß als eine zweifache und verschiedene gedacht werden.
Als der einzige Unterschied dieser beiden Naturen – nemlich zwischen der primären und sekundären Naturgestaltung – wurde bisher das Merkmal des Stillstandes und der Zirkelbewegung der lezteren, im Gegensatz zu der wirklichen Fortschreitung der ersteren, berührt.
Aber dieses Unterschiedsmerkmal kann nicht das einzige seyn und ist nicht ausreichend, um sich eine nur einigermassen klare Vorstellung vom dem eigentlichen Verhältnisse zwischen dem primären und sekundären Naturzustande und insbesondere von dem Verhältnisse des Urmenschen zur primären Natur bilden zu können.
Ferner, wie wird der ternäre Naturzustand beschaffen sein und in welchem Verhältnisse wird dieser zur vergeistigten Menschheit gedacht werden müssen?
Welche Veränderungen werden durch jene lezte Krisis in den drei Naturreichen und endlich im Menschen selbst vor sich gehen?
Bleibt derselbe – Erdenbürger und wird er blos Herr wieder von dieser irdischen Natur, oder muß auch die Erde als Erde überwunden und in Sonnen-, Lichtgestalt verwandelt werden?
In welchem Sinne war überhaupt der Urmensch Herr der Natur?
Welche Bedeutung konnte die Natur
1) nach ihrem Mineral-
2) nach ihrem Pflanzen-
3) nach ihrem Thierreiche
für den Urmenschen haben?
In welchem Verhältniß stand er zur astralen Welt?
Kann nicht in jedem Gestirne ein besonderer Urmensch (eine besondere Monas, wie man sich ausdrücken könnte) in von einander verschiedenen Perioden sich entwickelt haben? Muß nicht vielmehr dieß angenommen werden? Denn der Urmensch kann doch nur Resultat der Naturschöpfung und ihres Progresses sein. Dieser Naturprogreß kann aber auf jedem Gestirn nur insbesondere sich entwickeln.
Und erstreckt sich sodann die zweite Universio überall zunächst nur auf das Naturleben und die Menschheitsentwicklung jedes einzelnen Gestirnes?
Ist vielleicht das solarische Gestirnleben schon ein in sich wieder verklärtes Naturleben eines Gestirnes?
War nicht alles Gestirne ohnehin ursprünglich solarisch – reine Lichtnatur?
Ist vielleicht der astrale Charakter der Kometen ein über den solarischen noch gesteigerter, insoferne nemlich – als die Kometen zum Mittel und Schauplatz der freiesten Geistesherrschaft der wieder vergöttlichten Menschheit bestimmt seyn könnten?