Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Hochgeehrtester Herr
geheimer Rath
und
innigst geliebter Lehrer!

Sie waren so gütig, mir zu erlauben, Ihnen von Zeit zu Zeit zu schreiben. Ich bin daher so frei, Sie vorerst durch gegenwärtigen Brief von meiner am glücklich erfolgten Ankunft zu Dillingen zu benachrichtigen und Ihnen zugleich eine kurze Schilderung von meinen hiesigen Verhältnissen zu geben.

Die Vorlesungen haben, obgleich die Eröffnung des Lyceums schon am erfolgte, in Folge verschiedener Verzögerungen erst vor einigen Tagen ihren Anfang genommen. – Die Frequenz des Lyceums beläuft sich im I. Cursus auf ohngefähr 60 und im II. Cursus auf ohngefähr 30 Candidaten. Der theoretische Curs zählt gegen 40 Zuhörer. – Die definitive Besetzung des Rektorates und der Vakatur des seligen Wirth ist noch immer nicht erfolgt, wird aber tagtäglich erwartet. Dem neuesten Gerüchte nach würde ein gewisser (mir nicht näher bekannter) Hutter, Professor der zweiten Gymnasialklasse zu München das Rektorat des hiesigen Lyceums, verbunden mit der Professur der Geschichte (an Häbberle’s Stelle) erhalten. –

Als neu auftretendem Professor an der hiesigen Anstalt oblag mir, eine Antrittsrede in solenner Versammlung der sämmtlichen Professoren und Kandidaten des Lyceums zu halten. Dieß ist auch bereits ganz kürzlich geschehen, und ich darf wohl hoffen, daß meine Rede den von mir gewünschten und beabsichtigten Eindruck nicht verfehlt haben werde. Ueberhaupt scheint unter der hiesigen Jugend viele Empfänglichkeit vorhanden zu seyn, die aber leider bisher nur wenig – in der rechten Weise – benüzt worden sein mag. – Ueber meine collegialen Verhältnisse habe ich schon früher dem Herrn geheimen Rathe mündlichen Bericht erstattet. – Das gesellschaftliche Leben dahier ist zwar sehr beschränkt, aber doch im Ganzen erträglich. –

Was ich jedoch sehr vermisse, das sind die literarischen Hülfsmittel, an denen es hier in einem bedauernswerthen Maße gebricht. Die Lyceums-Bibliothek besizt von der neueren Literatur so Viel als Nichts und auch von älteren Werken nur wenig Ausgezeichnetes. So ist z.B. in der philosophischen Literatur, mit Ausnahme der Kant’schen Kritik der reinen Vernunft (älteste Ausgabe), auch nicht ein neueres Werk angeschafft worden. Es ist ein Glück für mich, daß ich mit den hauptsächlichsten neueren Werken selbst versehen bin; außerdem wäre ich in der fatalsten und hülflosesten Lage. Auch in den anderen Wissenszweigen sieht es in literarischer Beziehung eben so traurig aus. Von einem Lehrzimmer für die Studirenden, woselbst sie eine Auswahl älterer und neuerer klassischer Werke finden könnten, kann natürlich unter solchen Verhältnissen ohnehin keine Rede seyn. Existirt doch in der ganzen Anstalt nicht einmal irgend Etwas von Göthe’s Werken! – Was aber nicht nur mich, sondern auch die hiesigen Professoren in nicht geringe Verwunderung sezte, war der Umstand, daß, wie man mir erzählte, auch unter dem Nachlasse des verstorbenen Direktors Nüßlein sich an philosophischen oder anderen wissenschaftlichen Werken fast gar Nichts vorfand. Dieser Mann hat also, was Literatur betrifft, eben so wenig für sich, als für die Anstalt gesorgt. Bei solcher literarischer Verwahrlosung konnte nun freilich auch nur ein Betrieb der Philosophie in Nüßlein’scher Weise, d.h. in der oberflächlichsten und gehaltlosesten Weise möglich seyn. Und da der Studirende außer den Nüßlein’schen Commpendia gar nichts Anderes zu Gesicht bekommen konnte, so blieb ihm auch wohl nichts übrig, als das jurare in verba magistri. – Daß es aber da, wo die unentbehrlichsten literarischen Hülfsmittel fehlen, auch mit den naturhistorischen und physikalischen keine bessere Bewandtniß haben werde, ist leicht zu errathen. Man kann sich kaum eine Vorstellung von der Miserabilität der hiesigen naturhistorischen Sammlungen und physikalischen Apparate machen. Der Lehrer der Naturgeschichte (Prof. Ayles) versichert mir selbst, in der größten Verlegenheit bei seinem naturgeschichtlichen Unterricht zu seyn, da er außer einer unbedeutenden Mineralien- und einheimischen Pflanzen-Sammlung gar nichts zur Vorzeigung besitze (und dieß Wenige hat er selbst erst herbeigeschafft). Es wurde aber auch bisher in keiner Weise für finanzielle Unterstützung in dieser Hinsicht Sorge getragen. Blos 50 fl. sind für alle wissenschaftlichen Hülfsmittel in summa ausgesetzt.

Diesen Zustand der Dinge dahier Ihnen in seiner ganzen Nacktheit zu schildern, hielt ich um so mehr für dienlich, als ich glaube, daß bei Berathung der Lyceums-Frage der so eben gerügte Mißstand, den vielleicht nur die Wenigsten so kennen und vermuthen möchten, als einer der sprechendsten Gründe, neben den vielen anderen gewichtigen, hervorgehoben werden dürfte, so besonders gegen eine Vermehrung der Lyceen geltend gemacht werden kann.

Doch genug für dießmal. Der gnädigen Frau Gemahlin p. mich auf das Beste empfehlend, verharre ich
mit innigster Liebe und Hochachtung
meines verehrungswürdigsten Meisters
dankbarster und treuergebenster
Schüler

Prof. Beckers.