Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Herrn

Hofrath Dr. Thiersch

Hochwohlgeb˖[ohrn]

Ich erhalte Ihr Billet eben indem ich Ihnen schreiben will: daß bis jetzt zwar noch keine Resolution angekommen ist, daß ich aber, alle Umstände wohl erwogen, darüber nicht verwundert seyn kann. Überlegen Sie selbst, mit welchen Schwierigkeiten der Minister zu kämpfen hat, und Sie werden begreifen, daß er nicht durch ein ungestümes Betreiben die Sache in Gefahr des gänzlichen Mißlingens setzen will. Ich bin, wie Sie wissen, nicht berufen, die Apologie des Ministers zu machen, dennoch bin ich überzeugt, daß es ihm Ernst ist, Sie zu erhalten und daß wir uns in dieser Hinsicht auf ihn verlassen können, daß wir aber ebendarum die Art und Weise wie er seinen Zweck zu erreichen hofft, ihm überlassen und besonders auch sein, gewiß wohlgemeyntes, Temporisiren zugeben müssen. Wäre die Sache bereits gegen seinen Wunsch auf eine unwiderrufliche Art entschieden, so hätte er wenigstens gewiß nicht gesäumt Sie davon in Kenntniß zu setzen, seinem Charakter gemäß würde er alle mögliche Douceur darein zu legen suchen und uns nicht ohne Noth warten lassen. Es ist gewiß nicht leicht, Jemand, der so eben ungünstige Vorurtheile geäußert, zum graden Gegentheil, zu einer Handlung umzustimmen, die stets als eine öffentliche Gunsterklärung betrachtet wird. Ich wollte Ihnen dieß alles schreiben und dabey Sie nochmals bitten, doch ja nichts zu übereilen. Die Paar Tage mögen Ihnen lang scheinen, aber die Zukunft, über die Sie durch einen schnellen Beschluß entscheiden, ist noch viel länger. Hier kennen Sie alle Nachtheile und Hindernisse, wie alle Vortheile Ihrer Lage. Kennen Sie ebensowohl die, welche Ihnen in Sachsen Ihrer warten? – Gethan habe ich bis jetzt in der Sache durchaus nichts (den Bericht ausgenommen) nachdem der Minister neulich meinen Besuch abgelehnt und Sie selbst die Sache in die Hände genommen hatten. Ich will aber nun versuchen, heute noch zu ihm zu kommen, und hoffe dann Ihnen wenigstens die Bestätigung meiner oben geäußerten Ansicht melden zu können.

Wie immer, ganz und von Herzen
der Ihrige

Schelling