Hochzuverehrender Herr!
Indem ich mich anschicke, Euer Wohlgeboren verehrliches Schreiben, welches Seine Excellenz der Kaiserliche Oesterreichische Gesandte am hiesigen Hof, Herr Graf von Spiegel, mir zu übergeben die Güte hatte, zu beantworten, kann ich nicht anders als mit großer Beschämung wahrnehmen, wie lang ich gesäumt habe, auf ein mir so erfreuliches Schreiben zu antworten. Ich bitte, diese lange Säumniß wenigstens nicht als eine Unempfindlichkeit für das ehrenvolle Vertrauen auszulegen, welches mir durch die Einladung zur Theilnahme an den Wiener Jahrbüchern erwiesen worden ist. Die Ursache lag vielmehr allein in den Umständen meiner Lage, welche es mir unmöglich machen, ja auch nur meinen literarischen Thätigkeitskreis weiter auszudehnen, ja auch nur meinen dringendsten schriftstellerischen Obliegenheiten so, wie es nöthig wäre, zu genügen. Es kostete mich gleichviel Ueberwindung, eine Zusage zu geben, die ich nicht gewiß wäre erfüllen zu können, und die Theilnahme an einem Werk abzulehnen, dessen Wirkungsweise unter den zahlreichen, ihm äußerlich ähnlichen, aber innerlich meist sehr unähnlichen, ich schon längst als höchst wohlthätig erkannt habe, und das sich noch überdieß des besonderen Schutzes des großdenkenden, von mir wie von allen wahren Deutschen innigst verehrten Fürsten von Metternich erfreut. Indem ich von andern Seiten jetzt eben die Möglichkeit herannahen sehe, für eine thätige Theilnahme an den Wiener Jahrbüchern Zeit und Mittel zu finden, trübt sich aufs neue die Welt, und ereignen sich Dinge, welche Niemand erlauben, etwas für die Zukunft zu versprechen. Unter diesen Umständen will ich wenigstens nicht länger säumen, Euer Wohlgeboren verehrliches Schreiiben zu beantworten, wenn ich gleich vorläufig auf die Erklärung meines guten Willens und die Versicherung mich beschränken muß, daß ich die erste sich mir darbietende Möglichkeit, etwas für die Wiener Jahrbücher zu leisten, wahrnehmen werde, und wenigstens für die Zukunft mir das Recht thätiger Theilnahme an denselben vorbehalte, welches Ihre gütige Meinung mir ertheilt hat.
Mit dieser Versicherung erlauben Sie mir die Aeußerungen der ausgezeichneten Hochachtung zu verbinden, womit ich die Ehre habe zu verharren
Euer Wohlgeborn
gehors˖[amster] Diener
Schelling.
München den .
P.S. So eben bemerke ich, daß Euer Wohlgeboren noch die besondere Güte haben, mir die bisher erschienenen Bände der Wiener Jahrbücher als Geschenk anzubieten. Ein so großmüthiges literarisches Geschenk läßt sich nur mit tiefstem Dank annehmen. Wer wünschte wohl nicht, in seiner Bibliothek ein periodisches Werk vollständig zu besitzen, dem so viele gediegene und inhaltsvolle Aufsätze geistvoller und gelehrter Männer nicht einen bloß vorübergehenden, sondern einen bleibenden Werth für die Geschichte der Wissenschaft und der menschlichen Bildung überhaupt gegeben haben?