Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Verehrter Herr Professor!

Sehr spät komme ich dazu, Ihre freundschaftlichen Zeilen vom zu erwiedern, mit denen Sie Ihre kleine Schrift über das Verhältnis des Publicums zur Philosophie mir übersandt haben. Meine wissenschaftliche Lebensweise veranlaßt mich, philosophische Schriften nur gelegenheitlich meiner eignen Arbeiten zu lesen. Was Ihre Schriften betrifft, so kann es mir nicht anders als erfreulich sein, daß Sie einen Standpunct außer dem suchen, welchem Sie früher ausschließlicher anzugehören schienen. Nur scheint es mir, daß Sie diesem Standpuncte zu viel beilegen, indem Sie ihn noch immer als Uebergangs- oder Ausgangspunct einer neuen Entwicklung beibehalten zu können glauben. Hierin liegt der Grund, der mich verhindert, Ihrer Schriften mich so rein zu erfreuen, als ich wünschte. Ich fürchte, daß Sie nur wieder einen neuen Misverstand erregen. Die sogenannte Hegelsche Philosophie kann ich in dem, was ihr eigen ist, nur als eine Episode in der Geschichte der neuern Philosophie betrachten, und zwar nur als eine traurige. Nicht sie fortsetzen, sondern ganz von ihr abbrechen, sie als nicht vorhanden betrachten muß man, um wieder in die Linie des wahren Fortschritts zu kommen. Ich sage dies nur für Sie und um Ihnen mein Verhältnis zu Ihnen zu bezeichnen. – Wär’ es denn so großes Opfer, zu warten, bis das wahrhaft Neue (das doch nicht mehr lang’ ausbleiben wird) da ist? Läßt sich vermitteln oder ein Mittleres finden, so ist dann erst die Zeit dazu. Sollte ich Ihren Standpunct unrichtig beurtheilt haben, so wird es mir angenehm sein, wenn Sie meine Vorstellung von demselben berichtigen wollen. Was mich betrifft, so freue ich mich, von Ihnen, wenn meine ausführlichen wissenschaftlichen Darstellungen erschienen sein werden, gewiß vollkommen begriffen zu werden.

Leben Sie recht wohl und erhalten Sie mir fortwährend wohlwollende Gesinnung.

Schelling.