Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Liebster Bruder!

Mit der tiefsten Betrübnis hat uns die höchst schmerzliche Nachricht erfüllt, die wir heute durch Deinen Brief vom erhielten. Wie sehr bedauern wir, in einem solchen Augenblick so weit von Dir entfernt zu sein! Der tiefe Schmerz, den Du empfindest, ist menschlich und natürlich; der Verlust einer vieljährigen, treu verbundenen, innig liebenden Lebensgefährtin, der Mutter von sechs lebenden Kindern ist gewiß der zerreißendste, der einem menschlichen Herzen auferlegt werden kann. Indes Du bist Mann, und hast in Deinem Leben so manche Andere ähnlichen Schmerz tragen gelehrt und sie getröstet, daß es ja nun wohl Dir selbst an Kraft und Trost nicht fehlen wird. Stelle Dir nicht sowohl vor, was Du und Deine lieben Kinder durch diesen harten Schlag verloren, als was Dir und ihnen durch die theure Hingeschiedene Liebes und unvergeßlich Gutes in einer so schönen Reihe von Jahren zu Theil geworden, und Dein Schmerz wird sich in Dank gegen die göttliche Vorsehung auflösen, die sie Dir und Deinen Kindern so lange gönnen und erhalten wollte. Bedenke zugleich, daß Du nun Deinen Kindern Dich doppelt schuldig bist, und überlasse Dich nicht dem Dich selbst verzehrenden Schmerz. Widerstehe ihm – nicht durch eigne Kraft, sondern durch die Kraft dessen, an den Du glaubst, dessen Verheißungen Dir eben so gewiß als theuer sind, und der auch an Dir thun wird über Dein eigen und unser aller Wissen und Verstehen.

Dank Dir noch, besondrer Dank für alle die nähern Nachrichten, die Du uns über die letzten Umstände und Tage der Seligen geben wolltest! Sei gewiß, daß wir im Geist diese Tage der Betrübnis und des Schmerzes mit Dir durchleben und all Dein Leid treulich mitempfinden.

Ich bin eben jetzt durch das herannahende Ende des Halbjahrs, das mich nöthigt meine Vorlesungen zu verdoppeln, und durch die Vorbereitungen auf die öffentliche Sitzung am Königlichen so beschäftigt, daß ich eben nur Zeit finde, diese wenigen Zeilen Dir zu schreiben. Nur das füge ich noch bei, was insbesondre meine Frau Dir sagen läßt, daß wir, nicht in der Zukunft, sondern jetzt und jeden Augenblick bereit sind, Dein liebes Töchterchen, wenn Du es uns anvertrauen willst, von Dir anzunehmen, so wie wir gewiß Alles thun werden, dem lieben Kind, so viel es möglich, an Eltern Stelle zu sein.

Laß uns Deinen Entschluß hierüber wissen, und schreibe überhaupt öfters, wenn Zeit und Umstände es erlauben; es gibt vielleicht Augenblicke, wo es Dir zum Trost gereicht, an Verwandte zu schreiben, die Deine Empfindung ganz und innig theilen.

Gott erhalte Dich und lasse Dir alle seine Tröstungen reichlich zu Theil werden!
Dein
treuer Bruder

Fritz.