München .
Ungemein bedaure ich, daß auch dießmal wieder meine durch vielfältige Verhältnisse und Geschäfte in Anspruch genommne Zeit nicht erlauben wollte, noch vor oder wenigstens gleichzeitig mit Pauls Rückkehr zu schreiben. So betrübend die treue, seinen Geistes- und Gemüthszustand vollkommen in’s Licht setzende Schilderung, die ich Ihnen nicht genug verdanken kann, für das elterliche Gefühl seyn mußte, glaubten wir doch dießmal Einen tröstlichen Unterschied wahrzunehmen; diesen, daß er wenigstens seines Unrechts sehr bestimmt sich bewußt war und wenigstens einige Anfechtung und Unruhe deßhalb spüren ließ, die vielleicht auch die Folge hatte, daß er sich dießmal während der Ferienzeit im Ganzen gesetzter und gesitteter betrug. Am Ende derselben trat immer deutlicher und zuletzt dringender der Wunsch hervor, nicht wieder nach Urach zurückgeschickt zu werden. Der Hauptgrund: »er werde von allen Lehrern verachtet« war mir in so fern ein gutes Zeichen, als er sonst von der Verachtung, die er sich zuzog, entweder keinen Begriff, oder für dieselbe keine Empfindung hatte. Ich glaube, diesen Zug bemerken zu müssen, weil er vielleicht einen Punct zeigt, an den sich anknüpfen läßt. Die Hoffnung, durch musterhaften Fleiß und Wandel die Achtung seiner Lehrer und Mitschüler wenigstens im letzten Halbjahr wiederzugewinnen, wäre vielleicht das sicherste Mittel, ihn zu dauernder Besinnung und zu einem anhaltenden Streben nach dem Besseren zu vermögen.
Was seine Studien betrifft, so bin ich mit den in dem mathematischen Unterricht gemachten Fortschritten sehr zufrieden. Mein Wunsch ist, daß er auch diesen fortgesetzt werde. Sein hiesiger Lehrer hat mir das anliegende Blatt zugestellt, ich überlasse Ihrem gütigen Ermessen, ob und welcher Gebrauch desselben geeignet sey, denn sein Lehrer in Urach hat ihn so gut geführt, daß es eigentlich keines Raths und Dareinsprechens bedarf. Im Lateinischen scheint er mir einigermaßen fortgeschritten, doch ist er in der Geschicklichkeit, modern und daher oft unbestimmter gedachte Sätze in ächtlateinisch, mit der in dieser Sprache durchaus nöthigen Klarheit und Bestimmtheit ausgedrückte umzuwandeln, so wie in der Fertigkeit, loser zusammenhängenden Sätzen die im Lateinischen ebenfalls streng geforderte logische und oratorische Verbindung zu geben, fast nicht weniger schwach, als früher, wie besonders seine Examinal-Arbeit zeigt. Ich wünsche, Herrn Reuschle, dessen fortwährende Bemühung auch für das Lateinische ich dankbar erkennen werde, besonders auf diese Mängel aufmerksam zu machen. Noch bitte ich Herrn Reuschle, gegen Ende jedes Monats nur mit zwey Zeilen ein Zeugniß über Pauls Benehmen in der Stunde, über seinen Fleiß und Aufmerksamkeit entweder direct an mich oder durch Ihre gütige Vermittlung gelangen zu lassen. Nur bitte ich, daß weder dieser noch irgend ein andrer Brief an mich je frankirt werde. Es setzt mich in wahre Verlegenheit, daß Sie nun schon zum zweytenmal das Porto für Pauls voluminöse Schriften ausgelegt haben. Wäre dieß auch nicht rein und bloß meine Sache, so bedürfte es der Frankatur nicht, weil ich wegen meiner Stelle bey der Akademie, mit der eine starke auswärtige Correspondenz verknüpft ist, für alle mit der Post an mich kommende Briefe einer uneingeschränkten Freyheit genieße. Im Fall eines abermaligen Schwankens oder Zurückgehens würde eine zu rechter Zeit kommende väterliche Zusprache oder Ermahnung noch wohl helfen können. Er selbst hat bitter beklagt, daß er nach dem letzen die Kraft sich wieder aufzuraffen nicht habe finden können. Es ist besonders auch aus diesem Gesichtspunct, und inwiefern bey solchen ihrer selbst so wenig mächtigen Naturen Strafen wahre Hülfen sind, ganz mit meinem Wunsch übereinstimmend, daß schärfere Ahndungen gegen ihn verhängt worden sind. Mögen dieselben immer eintreten, so oft er sich etwas Ungesetzliches erlaubt oder Fehler und Nachläßigkeiten begeht, die guter Wille und Aufmerksamkeit hätten verhindern können! Es ist auch mein Wunsch, daß ihm während dieses Sommers höchstens zweymal Excursionen mitzumachen erlaubt werde. Zur weiteren Unterstützung einer ernsteren Gesinnung wird sehr wirksam seyn, wenn Sie ihm eröffnen und von Zeit zu Zeit wiederholen wollen, daß ich, um seine Aufnahme in eine hiesige Lehranstalt zu erhalten, ein Zeugniß seines Fleißes und seines sittlichen Benehmens von der früheren Anstalt beybringen müsse und daß er nicht erwarten dürfe, in Urach ein besseres Zeugniß zu erhalten, als er, im strengsten Sinn, verdient habe. Fiele dieß so aus, daß er hier nicht aufgenommen werde, so sey ich fest entschlossen, einen andern Weg mit ihm einzuschlagen. Seine gänzlich und so sehr in’s Schlimme veränderte Stimmung nach dem Neujahr leitete er selbst vorzüglich davon ab, daß er um diese Zeit die während der Feyertage zurückgebliebnen Seminaristen häufiger besucht und viel Bier mit ihnen getrunken habe, das diese zum Theil selbst aus den Wirthshäusern geholt haben. Ob dieß eine seiner Ausreden, wodurch er eine Schuld von sich ab, auf Umstände, Gelegenheiten, oder auf Andre abzuwälzen sucht, oder ob es Wahrheit ist, konnte ich freylich nicht ausmitteln. Soviel aber ist gewiß, daß er hier eine auffallende Fertigkeit und Neigung zum Bier trinken zeigte, dessen körperlichen und geistigen Einfluß auf junge Leute ich nach den Erfahrungen, die man in Bierländern nur zu oft darüber zu machen Gelegenheit hat, für äußerst nachtheilig halte. Auch auf Excursionen scheint er im Biertrinken zu viel zu thun. Daß ich besonders unter diesen Umständen seinem Auslaufen in das Seminarium kräftigst gesteuert wünsche, brauche ich nicht zu versichern.
Ungemein betrübend war für uns die wahre Unverschämtheit des von dem Holz hergenommnen Vorwandes, der Geist der Ungesetzlichkeit verbunden mit der einfältigen Kurzsichtigkeit und dem Mangel alles Ehrgefühls, auch gegenüber von seinen Kameraden, der sich in der Schlittenfarthsgeschichte kund gegeben. Ein noch erschreckenderer Fall für uns, den ich Ihnen nicht vorenthalten will, Ihnen übrigens überlassend, welchen Gebrauch Sie davon machen wollen, war, daß er in seiner diesmaligen Rechnung auch die Gebühren für einen genommnen Reisepaß anführte, während sich hier entdeckte, daß er überall keinen solchen hatte. Solche Kniffe und Pfiffe, Eltern in den Rechnungen zu betrügen, kann ich nicht für seine Erfindung halten, wahrscheinlich erhielt er sie von einem oder dem andern schlechten Subject mitgetheilt, und freute sich nach seiner Einfältigkeit dieses einfachen Mittels, sich etwas mehr Geld zu verschaffen. Außerdem fand sich, daß er ohne vorherige Anfrage sich eine neue Kappe und ein Paar Beinkleider ganz unnöthiger Weise hatte machen lassen. Diese wurden ihm zur Strafe hier abgenommen; den Verfertiger bitte ich zu bezahlen, jedoch zugleich den gebührenden Verweis ihm ertheilen zu lassen.
Daß die Kosten der Schlittenfahrten von Ihnen übernommen werden und ebenso das zum zweytenmal gekaufte Holz kann ich doch, wahrlich! nicht zugeben. Von dem Ersten kann ich mir nicht einmal eine Wirkung auf Pauls Leichtsinn vorstellen. Die unbedeutende Auslage für die Wohnung sollte zwischen uns gar nicht erwähnt werden. Was ist diese gegen den Aufwand von Zeit, die Sie Pauls ökonomischen Angelegenheiten, die Sie, außer der dem öffentlichen Unterricht, an dem er theil nimmt, ohnedieß gewidmeten, der Aufsicht auf seinen Fleiß, seine Sittlichkeit schenken, und welche Ihnen über dem häufigen Verdruß, den er verursacht, noch außerdem verloren geht? Sollten Sie mir auch noch solche Verbindlichkeiten auflegen, während ich keine Möglichkeit sehe, für die unsägliche Geduld, Liebe und Treue, die Sie an Paul zu beweisen nicht müde werden, je einigen Ersatz zu leisten, ja mich sogar außer Stand fühle, auch nur meinen Dank dafür gebührender Maßen auszusprechen?
Da ich mich wenig darauf verlassen kann, daß Paul die ihm aufgetragnen Empfehlungen an Herrn Diac˖[onus] Bardili und Herrn Repetent Hartmann gehörig ausgerichtet hat, so bitte ich Sie noch insbesondere, diesen Herren meine innigste Dankbarkeit für ihren Antheil zu bezeugen, den Sie an Paul’s Wohlergehen und Fortschreiten nehmen, und zumal letzteren zu bitten, daß er nicht aufhören wolle, sich seiner mit Ernst und Liebe anzunehmen.
Mit innigster Verehrung und Dankbarkeit
Schelling.