An Herrn Geheimen Rath von Schelling,
Vorsteher der königlichen Akademie der Wissenschaften.
Ich danke Ihnen, mein verehrter Freund, für die Mittheilung der lezten mich betreffenden Willensäußerung Seiner Majestät des Königs, und gebe mir die Ehre, darüber Ihnen Folgendes zu bemerken. Es ist überall in der literarischen Welt Gewohnheit, daß die Regierung, welche bei einem vortheilhaften und ehrenvollen Ruf eines ihrer Professoren in das Ausland seine weitern Dienste begehrt, dieses ihm durch Ausgleichung seiner Verhältnisse in Rang und Gehalt zu erkennen giebt. Dies ist nicht nur eine Sache der Billigkeit und Gerechtigkeit, sondern es kommt auch die Ehre des Gerufenen in das Spiel, sobald seine Wünsche auf die ihm gewordenen Anerbietungen gegründet, und seiner Regierung zur Genehmigung vorgelegt sind. Eine Zurückweisung derselben gilt überall einer formellen und materiellen Erklärung gleich, daß man seinen Gesuch um Dienstentlassung entgegensehe, und ein Verbleiben in dem bisherigen Dienstverhältniß, nachdem jene Zurückweisung eingetretten ist würde ebensowohl ein Verzichtleisten auf die seinen Charakter etwa umgebende literarische Achtung seyn, wie es dem Gebrauch deutscher Universitäten und ihrer Pfleger widerstrebt. Ich wäre deshalb, welches auch meine Neigung für Bayern und für mein Amt war, nicht in dem Fall gewesen, zur Ablehnung des Rufes einen Schritt zu thun, wenn ich damals die Versagung Seiner Majestät gekannt und nach den mir gewordenen mündlichen Mittheilungen nicht vielmehr geglaubt hätte, daß der Genehmigung meiner Wünsche nichts entgegenstehe. In dieser Voraussetzung glaubte ich die Anordnung meiner Verhältnisse mit Vertrauen in die Hände Seiner Majestät niederlegen und vorläufig in dem bekannten Sinne nach Dresden schreiben zu müssen. Erst nachdem dieses geschehen war, wurde mir die Willensmeinung Seiner Majestät bekannt, die mir zeigte, daß ich durch die frühern Mittheilungen, gewiß gegen des Monarchen Absicht, über meine Lage war getäuscht worden. Ich konnte sofort nicht anders als gemäß den eben dargelegten Ansichten die Unterhandlung mit Dresden wieder aufnehmen.
Das habe ich gethan, und sehe mit dem nächsten Briefe von dort, dem neuen Anstellungsdecret der Königlich sächsischen Regierung entgegen.
Euer Hochwohlgeboren werden es sofort ganz in meiner Lage begründet finden, daß ich, wie Sie zu wünschen scheinen, einen Schritt um die Sache rückgängig zu machen, nicht thun kann, und genöthiget bin ihr ihren Lauf zu lassen. Dieser aber ist, daß nach Eingang des Decrets aus Dresden ich genöthigt seyn werde, aus dem königlich bayerischen Staatsdienste meine Entlassung zu nehmen. Ich habe Vorkehrungen getroffen, daß die Entwicklung der Sache durch meine Bade-Reise nicht unterbrochen werde, weil ich alsdann schon im München verlassen würde, um nicht genöthigt zu seyn, ein neues akademisches Semester anzufangen, ohne Hoffnung es zu vollenden.
Glauben Euer Hochwohlgeboren nun, daß Seiner Majestät die wahre Lage und die Natur der hier obwaltenden Verhältnisse entgangen ist, als Allerhöchstdieselben gemeint waren, daß ich auch nach Versagung meiner billigen und durch den Ruf nach Dresden gegründeten Wünsche, es mit dem akademischen Gebrauche, meinen besondern Verhältnissen, und meinen literarischen Character vereinbarlich finden würde, jenen Ruf von mir zu weisen, und daß Seiner Majestät nach Darlegung dieser Umstände geneigt seyn würden, den lezten Ministerialantrag zu genehmigen, so überlasse ich Ihnen, deshalb das Nöthige vorzukehren. Nur jene Allerhöchste Genehmigung kann mich berechtigen, die Sache in Dresden, nachdem sie so weit gediehen ist, rückgängig zu machen, und auch dieses nur, so lange das Decret von dort noch nicht in meinen Händen ist. Ist dieses angekommen, so bin ich durch mein Wort und durch die Pflicht, den Charakter des Gelehrten gegen begründete Vorwürfe des Wankelmuths und untergeordneter Rücksichten zu schützen, offenbar gedrungen, nach der oben bezeichneten Art zu verfahren, und meinem Schicksale nach Dresden zu folgen. Daß es sich hier von einer schnellen Entscheidung handle, die in den nächsten Tagen eintretten müßte, um nicht zu spät zu kommen, werden Euer Hochwohlgeboren aus der Sache selbst absehen. Auch für diesen Fall habe ich vor meiner Abreise nach Gastein die nöthigen Vorkehrungen getroffen, so daß, wie auch die Lösung komme, auf jeden Fall, ihr gemäß in meiner Abwesenheit verfahren wird.
Mit den Gesinnungen der herzlichsten Verehrung
Euer Hochwohlgeboren
ergebenster Diener,
Dr. Fr. Thiersch