Herr Hofrath Oken las zuerst im Sommerhalbjahr an hiesiger Universität Naturgeschichte. Der unterzeichnete Conservator des zoologischen Museums hatte zu den Einsichten und Gesinnungen jenes berühmten Gelehrten ein so großes Vertrauen, daß er ihm erlaubte, Alles was er zu seinen Vorlesungen bedürfe selber aus der Sammlung zu wählen, denn es gab ohnehin damals bei der neuen Einrichtung so viel zu thun, daß nicht genug Hände da waren um die ungemein weit gehenden Bedürfniße des Herrn Hofrath Oken für seine öffentlichen Vorzeigungen zu befriedigen.
Hofrath Oken rechtfertigte das ihm geschenkte Vertrauen nicht ganz. Da er, wie sich bald zeigte, über die ihm übergebenen Gegenstände keinesweges die nöthige, genaue Aufsicht führte und, rücksichtslos, fast jederzeit die kostbarsten Stücke zum Vorzeigen auswählte, geschahe es daß durch seine Schuld unsre
Solen radiatus
Alcyonium arboreum
Isis Hippuris (wovon irgendwo Aeste abgebrochen wurden)
Isis porosa
Ein großes, durch seine Größe Kostbares Stück von Millepora alcicornis und außer dieser noch viele Madrepore, Gorgonium und Funginor!
Mehrere ausgestopfte Fische, wie Maenura Superba wurde durch ihn schadhaft, eben so der schönste Silberreiher der Sammlung (beides nach Professor Waglers Behauptung)
die schönste Scalaria vera wurde entwendet, wofür freilich Hofrath Oken einige Sachen aus seiner Privatsammlung dagegen gab.
Im darauf folgenden las Hofrath Oken wieder Naturgeschichte. Außer einigen minder bedeutenden Gegenständen wurde bei seinen damaligen Vorlesungen das große, schöne Alcyonium arboreum zerbrochen. Ein Königliches General-Consesrvatorium hat sich damals durch den Augenschein überzeugt wie viele Gegenstände Hofrath Oken zu einer einzigen Vorlesung gebrauchte, ich zeigte demselben im die Vögel (gegen 250 an der Zahl) die jener berühmte Lehrer für eine seiner lezten Stunden durch Prof. Wagler und Assistent Held hatte herausstellen laßen.
Im las Hofrath Oken mit dem Unterzeichneten in einer und derselben Stunde Naturgeschichte. Da der Leztere mit seiner größeren Zuhörerzahl des größeren Hörsales beim Local der Sammlung bedurfte, und deshalb diesen im Voraus vom academischen Senat sich erbeten hatte, war Hofrath Oken genöthigt in einem andern Hörsaal zu lesen in welchem nach ihm ein Lehrer aus der juristischen Facultät seine Vorlesung hielt. Statt nun, wie sich dies gebührt, jederzeit die zahlreichen Gegenstände welche von ihm vorgezeigt wurden, erst dann in den Hörsaal tragen zu laßen, wenn er selber schon darinnen zugegen seyn konnte und mit dem Schluß der Vorlesung sie wieder hinwegräumen zu laßen, gab Herr Hofrath Oken (wie er das erstere noch jezt zu thun pflegt) Auftrag die Naturalien schon 1/4 Stunde vor seiner Ankunft im Auditorio aufzustellen und zugleich geschahe es öfters daß die gesie auch nach dem Schluß der Stunde noch zur beliebigen Beschauung seiner Zuhörer stehen zu lassen. Im Sommer 1828 folgte ihm in dem damals gebrauchten Hörsaal ein Professor der juristischen Facultät, und so geschah es öfters, wovon der oben erwähnte Lehrer (Herr St˖[aats]rath von Maurer selbst sich hat überzeugen können, daß die gebrauchten Gegenstände rücksichtslos auf ihre Zartheit und leichte Zerbrechlichkeit auch während der nächstfolgenden Vorlesung stehen blieben, wo dann die jungen Juristen, welche jezt das Feld immer hatten, ein sehr unzartes Spiel damit trieben. Daß hierbei ein großer Theil, besonders der ausgestopften Fische, sehr übel zugerichtet wurde, war leicht begreiflich.
Herr Hofrath Oken wollte dem Uebelstand auf andre Weise abhelfen. Er hatte, auf Kosten der Universität kleine, leicht tragbare Subsellien machen laßen und auf einmal sahe man ihn seine Vorlesungen im Local der Sammlung selber halten und dieses Local in ein Auditorim verwandeln. Mit Hülfe eines Königlichen General-Conservatoriums wurde diesem Misbrauch nach einigen Wochen gesteurt – wenigstens auf so lange als noch die Anwesenheit des am mit allerhöchster Erlaubniß des Carlsbad besuchenden Conservators der zoologischen Sammlung dauerte, denn nach der Abreise deßelben, soll, dem Vernehmen nach, dem Herrn Hofrath Oken dennoch das Lokal der Sammlung wieder zu Vorlesungen eingeräumet worden seyn. Unter anderm soll auch nach einer damaligen Behauptung des Professors und Adjunkten Wagler in jenem Sommer in Okens Vorlesung ein Silberreiher der Sammlung mehrerer seiner kostbarsten Federn beraubt worden seyn.
Nach solchen Vorgängen wußte nun im der Unterzeichnete den gelehrten Verwüstungen des berühmten Mannes nicht anders zu begegnen als dadurch, daß er ihm gar nichts mehr ablieferte als was Herr Hofrath Oken den Tag oder doch Vormittag vorher schriftlich aufgezeichnet und begehrt hatte, wobei dann der Unterzeichnete die nöthigen Beschränkungen anbrachte. Leider ist es – da Hofrath Oken gar keine Aufsicht über die anvertrauten Gegenstände hält – auch dabei nicht ganz ohne Schaden abgegangen, doch wird dieser Schaden (vom Sommer 1829) noch ziemlich leicht zu ersetzen seyn.
Dr G.H. Schubert
Conservator der zoologischen Sammlungen.
München am