Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Hochwohlgeborner Herr Geheimer Hofrath,

Sie erinnern Sich ohne Zweifel eines Schwedischen Botanikers dem Sie mit vieler Güte, in Carlsbad, begegneten. Er sprach viel mit Ihnen über der jetzigen richtung der Naturgeschichte und besonders der Botanik. Sie scheinten viel interesse an seine idéen zu finden. Sie aufmunterten Ihn nicht allein Seine forschungen fortzusetzen, sondern selbst bald möglichst allgemein zu machen. Sie wollten Sich selbst bey Cotta besprechen, ob man wohl einen Verleger für einem solchen werke finden könnte.

Sie mussen schon längst daran gewöhnt seyn, ihre worte, – ihre theilnahme – nicht umsonst zu boden fallen zu sehen. Schon öfters haben Sie vielleicht Ihre worte vergessen, bis sie sie in irgend einer gegend der welt blühend und fruchtbringend sehen. Sie können alles dieses, welches Ich erwähnt habe, vergessen; Bey mir aber mussten ihre theilnahme keimen, und zu lebende pflanze werden.

Ich habe dass werkchen herausgegeben. Da steht diese pflanze, wie die übrigen im kalten Norden, mit ungesehenen Blüthe, aber doch mit grünem laube, und wie Ich hoffe, mit kräftigem wuchs.

Ich habe das werk an Sie dedigirt. Sie werden es nicht übel nehmen. Ohne Sie würde Ich es nicht in so ### geschick herausgegeben haben. Durch die Gyldendalsche Buchhandlung in Copenhagen habe Ich an Sie ein exemplar abgeschickt; aber auch hiemit sende Ich die dedication besonders. Das Deutsche ist schlecht, aber die meynung ist gut.

Ich möchte Ihnen gern einen kurzen begriff dieses werkes geben, aber eben in dieser Kürze wurde es zu weitläuftig für einen brief werden. An Escheweiler habe Ich eine inhaltsanzeige gesandt, welche in der Bot˖[anischen] Zeitung eingerückt werden kann.

Ich betrachte die pflanze, als eine widerholung desselben actes. Ich beweise es nicht durch speculation, sondern durch factische beobachtung. Ich zeige, dass die Knospe eine zusammensetzung sey, von derselben pflanze, welche aus dem Saamen hervorgeht. Diese saamenpflanze ist zweyblättrig. Die Knospe aber zeigt nur ein blatt besonders; dass andere blatt ist versteckt und macht die grundlage des stamms. Ich beweise es durch die anatomie. Der stamm ist also ursprünglich eine zusammenwachsung der blätter. – Die saamenpflanze hat eine Knospe (plumula) zwischen die beyden blätter. Das ist auf dem stamm die knospe, welche im winkel des blatts sitzt. Sie sitzt aber eigentlich zwischen zwey blätter, (so wie im Saamenpflanze) wovon das eine frey ist, das andere zu stamm geworden. – Die Saamenpflanze hat ein würzelchen. Dies ist auf dem Stamm, die fibren des holzes. Diese fibren legen sich ausserhalb die zusammengewachsene blätter des stammes. – Also wenn man ein ast oder ein stamm sieht, so sieht man eine zusammensetzung von mehreren pflänzchen, wovon jedes 2 blätter und ein wurzelchen hat. Das eine blatt ist frey, dass andere ist mit den anderen zusammengewachsen, und macht auf dieser art die axe des stammes aus. Ausserhalb ist das holz, dass besteht von den würzelchen aller dieser pflänzchen.

In jedem winkel eines blattes ist eine knospe. Durch momenten, welche uns zum theil unbekannt sind, verwandlen sich die blätter in 1. bractien, in 2 petalen, in 3 fruchtvalvlen, in 4 saamenhüllen. Ihre respective knospen verwandlen Sich in demselben acte, zu 1. blumen, zu 2 stamina, zu 3 placenta, zu 4. embryonen. Die frühere metamorphosenlehre wird also bestritten, dass die stamina verwandelte petalen seyn, da sie verwandelte knospen sind; ebenso die Decandollsche lehre widerlegt, dass die saamen aus dem rande des eingebogenen fruchtblattes. Die saamen sitzen nehmlich auf einen kleinen ast (die placenta) welche ebenso sich zum fruchtblatt (oder fruchtvalvel) verhält, wie die gemeine Knospe zum gemeinen blatte. Die saamen endlich sind die blätter auf diesem aste (oder placenta) mit ihren knospen im winkel, welche die embryonen sind.

Auf dieser art zeige ich, das die ganze pflanze nur von blatt und knospe besteht, und das es keine andere pflanzenorgane giebt. Es giebt aber davon folgende stufen:

1. cotyledon und plumula

2 blatt und knospe

3 bractea und blume

4 petalum und stamen

5 fruchtblatt und placenta

6 saamenhülle und embryo.

Dieses im kurze. Eine menge erörterungen, die nur den Botanikern interessiren können, kommen häufig vor, da dass werk 27 bogen ausmacht. Den philosophen mag nur die idee interessiren, dass die mannigfaltigkeit auf der pflanze eigentlich nur einheit ist, welches alles, wie fruher gesagt nicht durch speculation bewiesen, sondern durch die ### empirischer Beweise. Das werk ist nicht ein Auswachs auf der philosophie. Es ist ein entgegenkommen gegen sie.

Ich habe es vorgezogen das werk schwedisch als in einer fremden sprache herauszugeben. Es war mir leichter. Ich bewegte mich darin freyer. – Verdient es in anderen Länder bekannt zu werden, wird es wohl einmal ubersetzt. Ob nicht, so mag auch dies in der Vergessenheit sinken, wie so viel anderes, welches nicht durch den ton des tages begunstiget wurde.

Es sollte mich auf meinem einsamen stieg freuen, wenn Ich wusste, dass Sie mein Streben nicht verachten, und die Freyheit die Ich genommen habe, nicht zurückweisen.

In hoffnungen, welche ###...### schadlos halten, verharre Ich
Herrn GeheimenRathes
ergebenster

CA Agardh
Professor in Lund.

P.S.

Falls Ihre Gemahlin noch des Schweden sich erinnere, welche so oft ihm gastfreyheit in Carlsbad genossen hat, bitte Ich meine ehrfurcht zu melden. Sie war es, dass mich den grossen Göthe zu besuchen, so dringend auflegte. Es ist Göthes idéen, welches Ich entwickelt habe.